Berufsbildungszentrum Dr. Juergen Ulderup
Sep
10

Abschlussbericht von der Studienfahrt der F2A nach Lanzarote 2015

Ab in den Flieger und auf nach Lanzarote hieß es zum Abschluss der zweijährigen Fachschule Agrarwirtschaft des Berufsbildungszentrums Dr. Jürgen Ulderup.  Nein, es war kein Urlaubstrip sondern eine Studienfahrt mit dem Ziel etwas über Landwirtschaft in Trockengebieten zu erfahren. Immerhin liegt die Insel 4000 km vom spanischen Festland entfernt und ca. 120 km vor der nordwestafrikanischen Küste. Die Sonne steht zwar noch nicht ganz senkrecht über den Menschen, aber …
… mit jährlich 100 Liter Regen pro Quadratmeter fällt in Lanzarote nur rund ein Siebtel bis ein Achtel des Niederschlags im Landkreis Diepholz. Trinkwasser ist rar, dieser Umstand zwang seit der frühesten Besiedlung zu teils abenteuerlichen Methoden der Trinkwassergewinnung. Im Bild fängt der Frauenhaarfarn das nächtliche Tauwasser auf, der Erdballen unter der Pflanze reinigt das Wasser und lässt es tagsüber in den unten sichtbaren Auffangbehälter für die spätere Nutzung im Haushalt tropfen.
Unter diesen Bedingungen ist eine großzügige Beregnung der Felder nicht möglich. Die zusätzlichen Erträge aus den modernen Meereswasserentsalzungsanlagen werden stark von den Hotelanalagen und der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung genutzt.

Außerdem ist die Wasserbilanz unter der heißen Sonne Lanzarotes im Beregnungsfall negativ. Es verdunstet somit mehr Wasser als in das Grundwasser abfließt, wodurch sich eine schleichende Versalzung des schnell austrocknenden Oberbodens einstellen würde. Diese Salzanreicherung würde das Bodenwasser so fest halten, dass die Saugkraft der Wurzeln kaum noch eine Wasseraufnahme ermöglicht. Auch die Keimung des Saatgutes, dem ein Quellen des Samens vorausgehen muss, wäre extrem erschwert.
Damit steckt die Landwirtschaft der Insel wahrlich in der Klemme. Gleichzeitig sollte sie aber bis zum zweiten Weltkrieg die Bevölkerung ernähren und später nachhaltig den bewohnten Charakter der Insel für den Tourismus prägen, der heute die wichtigste Einnahmequelle und wesentlicher Arbeitgeber ist.

Doch hatte und hat Lanzarote Glück im Unglück. Die Vulkantätigkeit der Insel vernichtete zwar vom 17. bis 19. Jahrhundert das wenige Ackerland bis auf zwei Drittel der nutzbaren Fläche – gewaltige Lavaströme flossen Richtung Meer und begruben das Leben unter sich – doch verblieben nach den Ausbrüchen auch große Mengen Vulkanasche auf der Insel. Vulkanasche kann rund 60% seines Volumens mit Wasser auffüllen und somit als wertvoller Wasserspeicher dienen. Da nun aber immer noch die Regenmengen fehlen, war landwirtschaftliche Kreativität gefragt. Die Landwirte gruben deshalb Trichter mit einem Durchmesser von bis zu rund sechs Metern und einer Tiefe von bis zu gut anderthalb Metern in ihre Lehmböden und deckten diese Trichteroberfläche mit eine etwa 30 bis 50cm dicken Ascheschicht ab. Der nächtliche Tau soll nun nicht mehr schon in der heißen Vormittagssonne verdunsten Erfreulicherweise gibt es im Norden der Insel aber auch Regionen, die bedingt durch den Atlantik geringfügig besser mit Regen versorgt werden. Hier ist eine Ganzflächenbewirtschaftung möglich, was aber an den geringeren Bestandesdichten nicht viel ändert. Auch diese Fläche müssen mindestens 30cm mit Lavaasche abgedeckt werden, sonst verwandelt sich das Agrarland in eine dürre Steppe.
Viele der Feldfrüchte sind bis Juli abgeerntet, danach reicht das Wasser nicht mehr aus.
Der spanische Staat subventioniert die Landwirtschaft auf Lanzarote nachhaltig, was bei den Fachschülern die Frage nach der Vereinbarkeit mit den EU-Verträgen aufwarf. Eine zentrale Rolle für die Agrarberatung, das Dienstleistungsangebot und den Betriebsmittelverkauf spielt ein regionaler staatlicher Versuchsbetrieb.
Landwirte können hier Qualitätsuntersuchungen (Wein) machen lassen, erhalten Saat- und Pflanzgut zu stark ermäßigten Preisen, mieten Landtechnik, die oft im Institut an die Bedürfnisse der hiesigen Landwirtschaft angepasst worden ist, oder ordern Leistungen von Lohnunternehmern ebenfalls preislich stark subventioniert.
Durch diese nationalen Subventionierungen wirtschaftet einerseits Lanzarotes Landwirtschaft nicht vergleichbar mit der deutschen Landwirtschaft. Andererseits würde der Tourismus und damit die wesentliche Einkommensquelle Lanzarotes schwer geschädigt werden. Selbstkritisch gesehen – haben wir in Deutschland nicht auch Regionen, deren Landwirtschaft nur mit Blick auf den Tourismus und ggf. den Umweltschutz am Leben erhalten wird?
Auch die Tierproduktion hat in Lanzarote einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Ziegen und Schweine dominieren in sehr häufig extensiven Haltungsformen, gelegentlich tauchen Kaninchenmastställe auf. Rinderhaltung tritt deutlich hinter der Schweinehaltung zurück, hier ist Luzerneheu von großer Bedeutung. Als Dauerkultur ist diese Feldfrucht ertragssicherer (in einzelnen Regionen sollen bis zu 14 sicherlich sehr kleine Schnitte möglich sein) als Mais oder Gras. Pferdehaltung ist selten, weil die Futtergrundlage nicht gesichert ist. Deshalb war das ursprüngliche Zugtier der Esel und seltener und als teurer Luxus das Dromedar. Beide Tierarten sind vom Fundament her hervorragend an die überwiegend trocknen Böden und harten Untergründe angepasst. Die Nutzung von Zugtieren ist auch auf Lanzarote heute nur noch bei wenigen Betrieben anzutreffen.
Ein höherer Anteil der Betriebe wird im Nebenerwerb bewirtschaftet. Immer wieder fallen während der Fahrt über Land ungenutzte ehemalige Agrarflächen ins Auge.
Auffällig ist die bevorzugte Nutzung regionaler Ziegen und Schweinerassen. Sie sollen sich dem Klima der Insel besser anpassen können

Diese schwarze Schweinerasse war schon fast ausgestorben als sie vor ca. 30 Jahren wieder die wirtschaftliche Standardrasse auf Lanzarote wurde. Künstliche Besamung wird nicht genutzt. Die Frage nach dem Magerfleischanteil stellt sich bei den hiesigen Verzehrsgewohnheiten nicht. Andererseits dürfte der Fleischkonsum pro Kopf und einem Schlachtpreis von 9€/kg auch deutlich niedriger sein. Das Fleisch schmeckte anders als gewohnt und nicht jedem der Gruppe gleich gut.
Die Reiseleitung vor Ort war ein Glücksgriff. Insgesamt erhielt die Studiengruppe dank der versierten Reiseleitung (eine deutsche aber schon vor über 30 Jahren nach Lanzarote ausgewanderte und heute verrentete Lehrerin) einen tiefen Einblick in die Wirtschaftsweise von Bio- und konventionellen Betrieben, in die Probleme kleiner und großer landwirtschaftlicher Betriebe vor Ort. Handarbeit hat auf vielen Betrieben noch einen Stellenwert, hitzebedingt ist die Strukturierung des Arbeitstages nicht mit deutschen Verhältnissen vergleichbar. Nur Touristen setzen sich der Gefahr eines Sonnenbrandes aus. Einheimische bedecken ihre Haut und arbeiten draußen dem Sonnenstand angepasst.
Auch die kulturhistorische Bedeutung des Künstlers und Architekten César Manrique für die Entwicklung von Lanzarote im letzten Jahrhundert war immer wieder Tagesthema. Es ist wirklich beachtlich, wie ein einzelner regionaler Künstler unter geschickter Nutzung eines weiten Beziehungsnetzes den Tourismus in seiner Heimat wirtschaftlich fördern und dabei gleichzeitig öffentliche Wertvorstellungen über den Tod hinaus prägen konnte. Wenn der Tourist ein Bauernmuseum oder eine Höhle besucht, wenn er einen Kreisel durchfährt oder einen Eindruck von der landestypischen Bebauung während der Inseldurchquerung gewinnt, fast immer trifft er auf kinetische Objekte (Mobiles), Gestaltung von Bauten und Museen bis zur kompletten Höhlengestaltung im Sinne des Künstlers.
Über den Tod César Manriques hinaus beachten Behörden und Landespolitiker dessen Richtlinien für die Gestaltung der Insel. Massentourismus und Konsumdenken sind auf der Insel nur verhalten anzutreffen. Stattdessen fehlen Hochhäuser, allen voran auch die strandfüllenden Hochbauten der Hotels, es fehlen Hochspannungsleitungen und  nahezu überall Windkrafträder in der freien Landschaft ebenso wie  großflächige Werbetafeln an den Seiten der Landstraßen, wie sie auf dem spanischen Festland häufig anzutreffen sind. Vergleichbares ist in Deutschland z.B. auf Rügen zu finden, allerdings ohne den künstlerischen Farbanstrich eines César Manrique.

Verf.: Jochen Kinne

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